Bis nächstes Jahr nicht vergessen

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Wenn die Opposition integriert wird. Gedanken zum FHS-Bulletin…

Herbert Marcuse beschreibt die Macht der Gesellschaft (respektive der Mächtigen in dieser Gesellschaft) über den Menschen als eine, die sich jegliche Opposition einverleibt und mit dem Widerspruch spielt. Die Integration der Opposition war schon immer eine Strategie der Herrschenden.

Eine Veranschaulichung dessen findet sich im aktuellen FHS BULLETIN und betrifft den Widerspruch zwischen den Veranstaltungen „Lange Nacht der Karriere“ und „Lange Nacht der Kritik“ vom 16. November 2017:

FHS BULLETIN VOM REKTOR – OKTOBER 2017

Lange Nacht der Karriere – Lange Nacht der Kritik

Am 16. November 2017 finden an unserer Hochschule zwei parallele Veranstaltungen statt, die beide Bestandteil nationaler Initiativen sind. Es handelt sich um die Lange Nacht der Karriere und die Lange Nacht der Kritik.

Die Lange Nacht der Karriere ist eine gemeinsame Veranstaltung der Career Services Schweizer Hochschulen. Es werden verschiedene Workshops und Veranstaltungen zum Thema Karriereplanung und berufliche Weiterentwicklung angeboten. Diese Veranstaltung findet parallel an 16 Hochschulen statt.

Die Lange Nacht der Kritik ist eine von der sosa (Studierendenorganisation FHS St.Gallen, Soziale Arbeit) und kriso (forum für kritische soziale arbeit) St.Gallen organisierte Veranstaltung. Im Fokus stehen die kritische Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Anforderungen an Studierende und Arbeitnehmende in der heutigen „Wettbewerbsgesellschaft“. Im Rahmen der geplanten Veranstaltungen soll Raum geboten werden für kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen.

Gemäss unserem Selbstverständnis als Fachhochschule unterstützen wir die Auseinandersetzung und den Dialog zwischen verschiedenen Positionen und Perspektiven, sofern diese von alle Beteiligten wertschätzend, reflektiert und auch (selbst)kritisch einen offenen Dialog fördern. Dies ganz im Sinne unserer Grundsätze zum Umgang mit Diversität: „Die Fachhochschule legt Wert auf eine reflektierte und wertschätzende Haltung im Umgang mit Unterschiedlichkeiten. Offenheit und Interesse gegenüber verschiedenen Ansichten und Positionen sind wichtige Voraussetzung, um sich unvoreingenommen mit neuen Sichtweisen zu befassen und um – für selbstverständlich gehaltene – Überzeugungen und Werthaltungen (selbst-)kritisch zu reflektieren.“ Vor diesem Hintergrund und unter Massgabe, dass diese Grundsätze von allen Beteiligten getragen werden, unterstützen wir einen auch kontrovers gehaltenen Dialog zu Fragen der eigenen beruflichen Entwicklung, eingebettet auch in einem übergeordneten, gesellschaftlichen Kontext. In diesem Sinne wünschen wir allen Teilnehmenden inspirierende und erkenntnisreiche Anregungen und Diskussionen.

In seinem Aufsatz „Repressive Toleranz“ (1965, online) stellt Herbert Marcuse klar:

„Die Bedingungen, unter denen Toleranz wieder eine befreiende und humanisierende Kraft werden kann, sind erst herzustellen. Wenn Toleranz in erster Linie dem Schutz und der Erhaltung einer repressiven Gesellschaft dient, wenn sie dazu herhält, die Opposition zu neutralisieren und die Menschen gegen andere und bessere Lebensformen immun zu machen, dann ist Toleranz pervertiert worden“.

Dass uns Rektor und Hochschulleitung der FHS St.Gallen zu einer reflexiven und wertschätzenden Haltung und Praxis sowie zu Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber anderen Positionen anhalten, stimmt nachdenklich. An welche Veranstaltung ist diese Aufforderung wohl eher gerichtet? An jene, die den gesellschaftlichen Status Quo bedient oder an jene, die ihn hinterfragt, kritisiert – oder (OMG, G soll hier für Gesellschaft stehen) gar überwinden will???